Makroökonomik - Eine anwendungsorientierte Einführung

Makroökonomik - Eine anwendungsorientierte Einführung

 

 

 

von: Bodo Sturm, Carsten Vogt, Horst Peters

Kohlhammer Verlag, 2016

ISBN: 9783170234475

Sprache: Deutsch

239 Seiten, Download: 4594 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Makroökonomik - Eine anwendungsorientierte Einführung



1          Einleitung


Die Wirtschaft ist unser Schicksal.
Walter Rathenau, deutscher Außenminister, 1922

Die Makroökonomik ist neben der Mikroökonomik eine grundlegende Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre. Womit beschäftigt sich die Makroökonomik? Nun, typisch für die Mikroökonomik ist es, ökonomische Phänomene auf der Ebene des einzelnen Wirtschaftssubjektes zu analysieren.1 In der Mikroökonomik beschäftigt man sich beispielsweise mit der Konsumentenentscheidung. Dabei geht es darum, das Verhalten eines einzelnen Nachfragers auf Basis der Annahme individuell rationalen Verhaltens zu erklären. Die Makroökonomik geht an ökonomische Phänomene ganz anders heran. Im Rahmen der Makroökonomik interessiert nicht so sehr das Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte, sondern es stehen vielmehr sog. gesamtwirtschaftliche Aggregate im Mittelpunkt des Interesses. So werden etwa in der Makroökonomik alle privaten Haushalte zu einer einzigen Größe – dem Haushaltssektor – zusammengefasst. Ebenso werden alle Unternehmen einer Volkswirtschaft zu einem einzigen Unternehmenssektor vereinigt. Mit anderen Worten: In der Makroökonomik wird sehr stark abstrahiert. Das hat gute Gründe: Volkswirtschaften sind ziemlich komplexe Systeme, die aus Abermillionen einzelner Entscheidungsträger zusammengesetzt sind. Es wäre praktisch unmöglich, das Gesamtgeschehen in einer Volkswirtschaft dadurch zu untersuchen, dass man diese komplexe Realität mit all ihren Details in Modellen abbildet. Typisch sind darüber hinaus aber auch die Fragen, mit denen man sich in der Makroökonomik beschäftigt. Drei ausgesprochen wichtige Phänomene sind es, die hier ganz besonders interessieren: Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosigkeit.

Egal ob man den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung liest oder die Nachrichten im Fernsehen schaut: Wir alle haben mit Sicherheit schon einmal diese drei Begriffe gehört. Diskussionen um Wirtschaftswachstum und seine Determinanten sind wichtiger Bestandteil der Wirtschaftspolitik. Gemessen wird das Wirtschaftswachstum dabei über die Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP), auf dessen Definition wir noch ausführlich zu sprechen kommen. Wachstum ist deshalb so enorm wichtig, weil es die Quelle gesellschaftlichen Reichtums ist. Das langfristige Wachstum einer Ökonomie definiert letztlich den Entwicklungstrend der Konsummöglichkeiten einer Gesellschaft. Die Tatsache, dass es den Menschen in den industrialisierten Ländern der Welt heute bedeutend besser geht als vor 250 Jahren zu Beginn der Industrialisierung, ist genau auf dieses Phänomen zurückzuführen. Auch Entwicklungs- und Schwellenländer setzen daher auf Wachstum, um die Lebensqualität ihrer Bürger zu erhöhen. Zu verstehen, wie es zu Wachstum kommt, welche Faktoren Wachstum fördern oder bremsen, ist daher von erheblicher wirtschaftspolitischer Bedeutung. Dabei wird häufig nach der zeitlichen Perspektive (kurz-, mittel- und langfristig) der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Beeinflussung des Wachstums unterschieden.

Neben dem Wirtschaftswachstum beschäftigt die Menschen – zumindest von Zeit zu Zeit – die Inflationsgefahr. Unter Inflation versteht man einen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Aktuell (2015) liegt die Inflationsrate, d. h. der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, in Deutschland bei 0,4% pro Jahr, was von den meisten Ökonomen als Preisstabilität angesehen wird.2 Von vielen Marktteilnehmern in der Eurozone wird aber erwartet, dass nachdem die Inflationsrate über einen längeren Zeitraum sehr stabil um bzw. unter 2% pro Jahr lag, diese auf Grund der seit 2009 expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bald ansteigen wird. Inflation ist aus vielen Gründen unerwünscht, unter anderem deshalb, weil sie die Realeinkommen senkt. Letztlich steigt bei Inflation die Geldmenge, ohne dass es zu einem entsprechenden Anstieg der Menge an Waren und Dienstleistungen kommt. Die Kaufkraft des Geldes sinkt also. Genauso unerwünscht ist allerdings das Gegenteil von Inflation, die Deflation. Hierunter sind Phasen eines sinkenden Preisniveaus zu verstehen. Deflation ist ein Problem, da hier die Käufe von langlebigen Konsum- und Investitionsgütern häufig aufgeschoben werden, um diese Güter in zukünftigen Perioden billiger kaufen zu können. Dies kann aber die gesamte wirtschaftliche Aktivität einer Volkswirtschaft lähmen. Inflation ist daher ein zweiter zentraler Gegenstand der Makroökonomik.

Die Arbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme in der Europäischen Union. Die EU hat eine, etwa im Vergleich zu den USA, sehr hohe Arbeitslosenquote. Sie liegt zurzeit (2015) im EU-Durchschnitt bei ca. 9,6%.3 Arbeitslosigkeit ist aus individueller wie auch gesellschaftlicher Sicht ein zentrales Problem. Sie bedeutet für den, der von ihr betroffen ist, ein schweres persönliches Schicksal, mindestens dann, wenn es sich um länger anhaltende Arbeitslosigkeit handelt. Zunächst bedeutet Arbeitslosigkeit für die Betroffenen zumeist einen deutlichen Einkommensverlust. Darüber hinaus verlieren viele Menschen hierdurch ihr Selbstwertgefühl, ihren Freundes- und Bekanntenkreis, ihre soziale Einbindung und Bestätigung. Kurz, die Lebenszufriedenheit sinkt deutlich.4Arbeitslosigkeit birgt aber auch für die Gesellschaft enorme Kosten. Zum einen muss Arbeitslosigkeit finanziert werden – jedenfalls, solange wir an einem sozialstaatlichen Wirtschaftsmodell festhalten wollen. Zum anderen kann Arbeitslosigkeit im Extremfall gesellschaftlich destabilisierend wirken – man denke etwa an die Jugendkrawalle in Frankreich vor wenigen Jahren, die sicherlich auch etwas mit der Chancenlosigkeit von Migrantenkindern auf dem französischen Arbeitsmarkt zu tun hatten. Diese Kosten der Arbeitslosigkeit sind sicherlich schwer zu beziffern, aber es ist kaum zu bezweifeln, dass sie existieren.

Dabei ist Arbeitslosigkeit eigentlich ein völlig unvernünftiger Zustand – jedenfalls, solange es sich um unfreiwillige Arbeitslosigkeit handelt. Letzten Endes bleiben hier volkswirtschaftliche Ressourcen ungenutzt. Würden die derzeit Arbeitslosen im Produktionsprozess eingesetzt – was viele von ihnen sicherlich begrüßen würden – dann könnte insgesamt ein höherer gesamtwirtschaftlicher Wert an Waren und Dienstleistungen erzeugt werden, es würden höhere Einkommen erzielt. Allen – Arbeitnehmern wie Arbeitgebern – könnte es bei einem höheren Beschäftigungsstand besser gehen. Man fragt sich also, wie es überhaupt zu einer Situation anhaltender Unterbeschäftigung kommen kann. Die Erklärung von Arbeitslosigkeit ist sicherlich eine der wichtigsten Fragestellungen, mit denen sich Makroökonomen beschäftigen.

Wir können es für den Anfang sicher bei dieser kursorischen Auflistung belassen. Fassen wir kurz zusammen: Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosigkeit sind die drei zentralen Erkenntnisgegenstände der Makroökonomik. Die Beeinflussung der Wachstumsrate einer Volkswirtschaft, der Preissteigerungsrate und der Arbeitslosenquote stehen im Zentrum wirtschaftspolitischen Interesses. Es ist daher wichtig, diese drei Phänomene und die Möglichkeiten ihrer Steuerung oder zumindest Beeinflussung genauer zu untersuchen, wobei der Zeithorizont der Betrachtung eine wichtige Rolle spielt. Dabei abstrahiert die Makroökonomik stark von den Details der Realität. Typisch ist eine gesamtwirtschaftliche, nicht einzelwirtschaftliche Herangehensweise. Was das alles im Einzelnen bedeutet, werden wir im Rahmen dieses Lehrbuchs noch ausführlich kennen lernen.

In Kapitel 2 werden wir uns mit sog. makroökonomischen Indikatoren beschäftigen. Hierbei geht es zunächst darum, wirtschaftliche Aktivität mit Hilfe des BIP zu messen. Die Berechnungsmethoden des BIP, seine Vor- und Nachteile sowie weitere, verwandte Messkonzepte werden betrachtet. Darüber hinaus wird erläutert, wie Inflation und Arbeitslosigkeit in der Praxis gemessen werden. Kapitel 3 führt in die Analyse des kurzfristigen Gleichgewichts von Produktion und Zins einer Ökonomie ein. Die zentrale Annahme ist dabei, dass in der kurzen Frist die Preise für Güter und Produktionsfaktoren konstant sind. Damit bestimmt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage das Produktionsniveau, denn die Unternehmen bedienen die Nachfrage zu konstanten Preisen. In der kurzfristigen Betrachtung werden zunächst das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt und nachfolgend das Gleichgewicht auf Geld- und Finanzmärkten betrachtet, bevor schließlich das simultane Gleichgewicht auf allen Märkten im Rahmen des sog. IS-LM-Modells analysiert wird. Mit Hilfe des IS-LM-Modells lässt sich dann veranschaulichen, welche Faktoren das Gleichgewicht von Produktion und Zins in der kurzen Frist...

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