Die Donut-Ökonomie - Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört

Die Donut-Ökonomie - Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört

 

 

 

von: Kate Raworth

Carl Hanser Verlag München, 2018

ISBN: 9783446259577

Sprache: Deutsch

416 Seiten, Download: 15256 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die Donut-Ökonomie - Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört



Ein langer Kampf um Befreiung


Paul Samuelson war nicht der Einzige, der erkannte, welch enormen Einfluss jene ausüben, die festlegen, wie wir anfangen und wie wir unsere ersten Schritte gehen. Auch sein Lehrer und Mentor Joseph Schumpeter hatte verstanden, dass Ideen, die an die nachfolgende Generation weitergegeben werden, oft nur schwer wieder abzuschütteln sind. Doch genau dies wollte er erreichen, um Platz zu schaffen für seine eigenen Erkenntnisse. Schumpeter schrieb in seinem 1954 erschienenen Werk Geschichte der ökonomischen Analyse:

In der Praxis bauen wir alle unsere eigene Forschung auf der Arbeit unserer Vorgänger auf. Kaum jemals beginnen wir ganz von vorn. Angenommen aber, wir würden von vorn beginnen, welchen Weg müssten wir einschlagen? Um überhaupt irgendeine Aufgabe klar formulieren zu können, müssen wir offenbar zuerst einmal einen abgegrenzten Problemkreis ins Auge fassen, der für eine analytische Untersuchung ergiebig wäre. Mit anderen Worten, der analytischen Untersuchung geht zwangsläufig ein voranalytischer Erkenntnisakt voraus, der den Rohstoff für die analytische Arbeit liefert. In diesem Buche nennen wir den voranalytischen Erkenntnisakt Vision.

Zugleich war Schumpeter klar, dass die Schaffung einer voranalytischen Vision niemals ein objektiver Prozess sein konnte, wie er hinzufügte:

Als Erstes stellt sich uns die Aufgabe, die Vision in Worte zu kleiden und begrifflich so klar zu erfassen, dass ihre einzelnen Elemente bezeichnet und somit leichter erkennbar sind bzw. sich in ein mehr oder minder geschlossenes Bild einfügen. … Nun müsste es uns völlig klar sein, dass dabei viele Ansatzpunkte für ein Eindringen der Ideologie in diesen Prozess vorhanden sind. Tatsächlich dringt sie schon in das Erdgeschoss, in den voranalytischen Erkenntnisakt ein, von dem wir gesprochen haben. Die analytische Arbeit beginnt mit dem von unserer Vision der Dinge gelieferten Material, und diese Vision ist eigentlich schon ex difinitione ideologisch.34

Andere Denker haben diesen Gedanken mit anderen Worten zum Ausdruck gebracht. Schumpeters Konzept einer präanalytischen Vision wurde von den Ideen des Soziologen Karl Mannheim inspiriert, der Ende der 1920er-Jahre feststellte, dass »jede Sichtweise in einem bestimmten sozialen Raum verankert« sei, und der daraus die These entwickelte, dass jeder Mensch eine »Weltsicht« besitze, die wie eine Linse fungiert, durch die er die Welt interpretiert. In den 1960er-Jahren stellte Thomas Kuhn die wissenschaftliche Forschung auf den Kopf, indem er darauf hinwies, Wissenschaftler würden »nach Vorbildern [arbeiten], die sie sich durch ihre Ausbildung … angeeignet haben, oft ohne genau zu wissen oder auch wissen zu müssen, welche Eigenschaften diesen Vorbildern den Status von Gemeinschafts-Paradigmata gegeben haben«.35 In den 1970er-Jahren entwickelte der Soziologe Erving Goffman den Begriff des »Framings«, der Rahmenanalyse, der besagt, dass jeder von uns die Welt durch einen bestimmten mentalen Bilderrahmen sieht, und er versuchte damit zu zeigen, dass sich aus der Art und Weise, wie wir Alltagserfahrungen, soziale Vorkommnisse und Ereignisse kategorisieren und interpretieren, ergibt, was wir anschließend sehen.36

Präanalytische Vision. Weltsicht. Paradigma. Rahmen. Das sind verwandte Konzepte. Wichtiger als die Entscheidung darüber, welches davon man verwenden möchte, ist die Erkenntnis, dass man überhaupt ein Konzept hat, denn dann hat man auch die Möglichkeit, es zu hinterfragen und zu verändern. In der Volkswirtschaftslehre ist dies eine Einladung, die mentalen Modelle, die wir zur Beschreibung und zum Verständnis der Ökonomie anwenden, mit einem frischen, kritischen Blick zu betrachten. Doch das ist nicht einfach, wie schon John Maynard Keynes feststellte. Die Arbeit an seinem bahnbrechenden Buch von 1938 war, wie er bekannte, »ein Kampf um Befreiung von gewohnten Formen des Denkens und des Ausdruckes. … Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken, als in der Befreiung von den alten, die sich bei allen, die so erzogen wurden, wie die meisten von uns, bis in die letzten Winkel ihrer Geistesart verzweigen.«37

Es ist verführerisch, alte Denkmodelle abzustreifen, doch bei der Suche nach neuen gilt es einiges zu beachten. Zum einen sollte man nie vergessen, dass »die Landkarte nicht das Territorium ist«, wie es der Philosoph Alfred Korzybski formulierte: Jedes Modell kann immer nur ein Modell sein, eine notwendige Vereinfachung der Welt, die man nicht mit der tatsächlichen Welt verwechseln darf. Zum Zweiten gibt es keine richtige präanalytische Vision, kein wahres Paradigma und keinen perfekten Rahmen, die irgendwo da draußen zu entdecken wären. Oder wie es der Statistiker George Box prägnant ausdrückte: »Alle Modelle sind falsch, einige aber sind nützlich.«38 Bei dem Versuch, die Ökonomie neu zu denken, geht es nicht darum, die richtige Ökonomie zu finden (denn die gibt es nicht), es geht vielmehr darum, jene Form zu wählen oder zu erschaffen, die am besten unseren Zwecken nützt – die den Zusammenhang widerspiegelt, in dem wir uns befinden, die Werte, die wir vertreten, und die Ziele, die wir verfolgen. Da sich die Zusammenhänge, die Werte und die Ziele der Menschheit kontinuierlich ändern, sollte dies auch für unsere Sicht der Ökonomie gelten.

Es gibt keinen vollkommenen Interpretationsrahmen, den wir nur finden müssen, erklärt auch der Linguist George Lakoff, es ist vielmehr von entscheidender Bedeutung, dass wir eine überzeugende Alternative an der Hand haben, wenn der alte Interpretationsrahmen endgültig verworfen wird. Einfach nur das vorherrschende Deutungsmuster abzulehnen wird ironischerweise zu dessen Stärkung führen. Und wenn wir keine Alternative anzubieten haben, haben wir auch nur eine geringe Chance, dass wir in den Kampf der Ideen eintreten können, geschweige denn ihn gewinnen können.

Lakoff bemüht sich seit Jahren, aufzuzeigen, wie stark verbales Framing die politische und wirtschaftliche Debatte beeinflussen kann. So führt er als Beispiel den Begriff der »Steuererleichterungen« an, der etwa von den US-amerikanischen Konservativen häufig verwendet wird. Mit nur einem Wort werden hierbei Steuern als eine Bedrängnis, eine Bürde gedeutet, die von einem heroischen Befreier weggenommen werden muss. Wie sollten die progressiven Kräfte darauf reagieren? Gewiss nicht dadurch, dass sie gegen »Steuererleichterungen« argumentieren, denn allein die Wiederholung dieses Begriffs verstärkt diese Deutung. (Wer sollte etwas gegen Erleichterungen haben?) Doch die Progressiven, stellte Lakoff fest, würden allzu oft ihre eigene Sicht der Besteuerung mit ausführlichen Darlegungen zu erklären versuchen, weil sie eben keinen alternativen Interpretationsrahmen entwickelt haben.39 Sie brauchen dringend einen alternativen kurzen Begriff, um ihre Sicht der Dinge auf einen prägnanten Nenner zu bringen und ihn dem anderen entgegenzusetzen. Tatsächlich gewann der Begriff »Steuergerechtigkeit« – der Assoziationen von Gemeinschaft, Fairness und Verantwortlichkeit wachruft – international zunehmend an Zugkraft, weil in den Medien immer häufiger über globale Skandale im Zusammenhang mit Steuerparadiesen und der Steuervermeidung durch Großkonzerne berichtet wurde. Ein machtvolles Deutungsmuster zu besitzen, mit dessen Hilfe man die Dinge einordnen kann, hat zweifellos dazu beigetragen, den allgemeinen Unmut in die richtigen Bahnen zu lenken und Unterstützung für die Forderung nach Veränderungen zu gewinnen.40

Ähnlich wie Lakoffs Arbeiten die Bedeutung des verbalen Framings für die politische und wirtschaftliche Debatte verdeutlicht haben, möchte dieses Buch die Kraft des visuellen Framings herausarbeiten und es dazu einsetzen, das wirtschaftliche Denken des 21. Jahrhunderts zu verändern. Wie machtvoll visuelles Framing sein kann, wurde mir klar, als ich 2011 zum ersten Mal den Donut zeichnete und von der internationalen Reaktion darauf überwältigt wurde. Auf dem Gebiet der Förderung nachhaltiger Entwicklung wurde er bald zu einem ikonischen Bild, das von Aktivisten, Regierungen, Unternehmen und Wissenschaftlern verwendet wurde, denen es darum geht, die Debatte in eine neue Richtung zu lenken. Im Jahr 2015 informierten mich UN-Mitarbeiter, die an den Verhandlungen über die Formulierung der Sustainable Development Goals (Ziele für nachhaltige Entwicklung) beteiligt waren – jener 17 Ziele, anhand derer der Prozess einer nachhaltigen Entwicklung der Menschheit auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene bewertet werden soll –, dass in der Schlussphase der Beratungen über die Endfassung des Dokuments das Bild des Donuts auf dem Tisch lag und als Erinnerung an die allgemeinen Ziele diente, die es anzustreben gelte. Viele Menschen berichteten mir, dass das Bild des Donuts ihre eigenen, seit Langem gehegten Vorstellungen von nachhaltiger Entwicklung sichtbar machte. Am meisten beeindruckte mich, wie stark das Bild neue Arten des Denkens förderte: Es trug dazu bei, alte Debatten wieder zu beleben und neue anzustoßen, während es zugleich eine positive Vision einer erstrebenswerten wirtschaftlichen Zukunft bot.

Visuelle Interpretationsrahmen, so wurde mir allmählich bewusst, spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie verbale. Diese Erkenntnis veranlasste mich dazu, mir noch einmal einige andere Bilder anzusehen, die mich in meiner wirtschaftlichen Ausbildung geprägt hatten, und ich...

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