Organisationstheorien

Organisationstheorien

 

 

 

von: Alfred Kieser, Mark Ebers

Kohlhammer Verlag, 2014

ISBN: 9783170260078

Sprache: Deutsch

524 Seiten, Download: 3722 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Organisationstheorien



Man vergisst immer wieder, auf den Grund zu gehen. Man setzt die Fragezeichen nicht tief genug.

Ludwig Wittgenstein (1984b: 538)

1          Wissenschaftstheorie der Organisationstheorie


Andreas Georg Scherer und Emilio Marti


 

1.1        Wozu Organisationstheorie?


Mit »Organisationen« werden Menschen tagtäglich konfrontiert. In der Ausbildung, bei der Arbeit, in der Freizeit, bei der Religionsausübung sowie in vielen anderen Lebensumständen erlebt sich der Mensch als Teil einer Organisation, sieht sich als Individuum den Möglichkeiten und Zwängen einer Organisation ausgesetzt. Dies gilt im besonderen Maße für die Wirtschaft und die in der Wirtschaft tätigen Individuen. Bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen sind die Menschen darauf angewiesen, ihre Handlungen aufeinander abzustimmen. Organisationen stellen ein herausragendes Instrument dar, eine solche Koordination vorzunehmen. Dass dies nicht immer einfach ist und daher auch nicht immer gelingt, wissen wir aus unserer eigenen Erfahrung im Umgang mit Organisationen oder können es der Wirtschaftspresse entnehmen, die regelmäßig von Fällen berichtet, in denen die Koordination scheitert.

Die Organisationstheorie soll nun das Entstehen, das Bestehen und die Funktionsweise von Organisationen erklären bzw. verstehen. Sie dient damit (implizit oder explizit) der Verbesserung der Organisationspraxis. Selbstverständlich haben alle Menschen bereits ein intuitives Alltagswissen davon, wie Organisationen funktionieren. Das Wissen der Organisationstheorie soll sich von diesem Alltagswissen durch ein systematischeres Vorgehen und durch Nachvollziehbarkeit unterscheiden. Wer jedoch erstmals eine Organisationsvorlesung besucht oder ein entsprechendes Lehrbuch zu Rate zieht, wird verwundert feststellen, dass es die Organisationstheorie gar nicht gibt. Vielmehr findet sich in den meisten Organisationslehrbüchern eine Vielzahl an organisationstheoretischen Ansätzen, die selbst bei näherer Betrachtung nur wenig gemeinsam haben und in vielen Fällen sogar widersprüchlich zueinander sind. Warum gibt es nun so viele verschiedene organisationstheoretische Ansätze? Warum können sich die Forscherinnen und Forscher nicht auf einen konsistenten Ansatz einigen?

Dazu muss man sich erstens vergegenwärtigen, dass Organisationen hochkomplexe soziale Gebilde sind, in denen viele Probleme auftreten können, die einer theoretischen Durchdringung wert sind. Der Gegenstandsbereich der Organisationstheorie ist so breit, dass darunter eine Vielzahl von Teilaspekten fällt, die nur schwer unter ein gemeinsames Dach einer wie auch immer gearteten »Supertheorie« zu integrieren sind. So lassen sich etwa die Beziehungen zwischen Individuum und Organisation thematisieren, zwischen Gruppe und Organisation, das Verhältnis von Organisation und Umwelt, das Verhältnis von Organisationsstrukturen und -prozessen, das Verhältnis von Organisation und alternativen Koordinationsformen (z. B. marktliche Austauschbeziehungen), die Beziehungen zwischen verschiedenen Organisationen, die Rolle von Machtprozessen in Organisationen, der Wandel von Organisationen etc. In der Literatur hat sich inzwischen hierfür eine Kategorisierung nach der Analyseeinheit durchgesetzt (vgl. z. B. Astley/Van de Ven 1983, Hage 1980, Pfeffer 1982). Je nachdem, ob sich die Theorien mit dem Verhalten von Individuen in Organisationen, dem Verhalten ganzer Organisationseinheiten und ihrer Strukturen oder aber mit den Beziehungen zwischen Organisationen und der Umwelt beschäftigen, unterscheidet man zwischen Mikro-, Meso- und Makrotheorien der Organisation (Hage 1980). Die Breite und Vielfalt an Themen reicht aber noch nicht aus, um zu verstehen, was einer Integration unter einer einheitlichen Perspektive prinzipiell im Wege steht.

Hinzu kommt nämlich zweitens, dass jeder dieser Teilaspekte wiederum aus der Perspektive verschiedener Wissenschaftsverständnisse beleuchtet werden kann. Jeder organisationstheoretische Ansatz arbeitet (explizit oder implizit) auf der Basis eines bestimmten Wissenschaftsverständnisses. Nun variieren diese Wissenschaftsverständnisse stark zwischen den verschiedenen organisationstheoretischen Ansätzen. Organisationsforscherinnen und -forscher haben offenbar kein gemeinsames Verständnis davon, was es heißt, Wissenschaft zu betreiben. Sie kommen mit unterschiedlichen Methoden zu ganz verschiedenen, zum Teil sogar widersprüchlichen Ergebnissen. Auch über den Zweck der Forschungstätigkeit besteht keine Einigkeit. Diese unterschiedlichen Wissenschaftsverständnisse werfen die grundsätzliche Frage auf, ob überhaupt und in welchem Sinne »objektive Erkenntnis« möglich ist. Genau mit dieser Problematik beschäftigt sich die Wissenschaftstheorie, die im Zentrum der folgenden Überlegungen steht.

Wir gehen zuerst auf den Zweck der Wissenschaftstheorie ein ( Abs. 1.2). Die Wissenschaftstheorie dient der Reflexion der Organisationstheorie, indem sie (teilweise implizite) Wissenschaftsverständnisse explizit macht und so eine Systematisierung und kritische Beurteilung ermöglicht. Anschließend beschreiben wir das vorherrschende Wissenschaftsverständnis: das Subjekt-Objekt-Modell ( Abs. 1.3). Dieses Wissenschaftsverständnis liegt vielen organisationstheoretischen Ansätzen zugrunde, etwa dem Situativen Ansatz (Kap. 5). Andere Ansätze kritisieren dieses Wissenschaftsverständnis jedoch. Interpretative, kritische und postmoderne Ansätze (Kap. 9) äußern methodische und normative Kritik am Subjekt-Objekt-Modell ( Abs. 1.4). Funktionalistische Ansätze (Kap. 11) und Rational Choice Ansätze forschen auf der Basis von nochmals anderen Wissenschaftsverständnissen, die das Verhältnis zwischen individuellem Verhalten und gesellschaftlichen Institutionen grundverschieden verstehen ( Abs. 1.5). Nach diesem Systematisierungsversuch gehen wir noch auf die Frage ein, wie diese verschiedenen Wissenschaftsverständnisse kritisch beurteilt werden können und was dies für das Verhältnis zwischen ihnen bedeutet ( Abs. 1.6). Wir erläutern das Inkommensurabilitätsproblem sowie den Orientierungsvorschlag des methodischen Konstruktivismus.

1.2        Wozu Wissenschaftstheorie?


Die Wissenschaftstheorie dient der Beschreibung und der kritischen Distanzierung vom faktischen Wissenschaftsbetrieb, sei es in der Organisationstheorie oder anderen Wissenschaften. Sie stellt eine Reflexion über Wissenschaft dar, indem sie zwei Grundfragen zu beantworten versucht (vgl. Steinmann/Scherer 2000: 1056 ff.):

(1)  Welchen Zwecken dienen die Wissenschaften und welchen Zwecken sollen sie dienen?

(2)  Welche Mittel setzen die Wissenschaften zur Erreichung dieser Zwecke ein und welche Mittel sollen sie einsetzen?

Hervorzuheben ist dabei, dass beide Fragestellungen sowohl die bloße Beschreibung der Wissenschaftspraxis (deskriptive Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftssoziologie) als auch die kritische Anleitung der Wissenschaftspraxis (normative Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftstheorie im eigentlichen Sinne) umfassen. Das Verhältnis von Organisationspraxis, Organisationstheorie und Wissenschaftstheorie lässt sich also wie folgt beschreiben ( Abb. 1.1). Die Organisationstheorie dient der Reflexion der Organisationspraxis. Sie fragt danach, wie die Organisationspraxis betrieben wird und wie sie betrieben werden sollte. Die Wissenschaftstheorie dient dagegen der Reflexion über

Abb. 1.1: Zum Verhältnis von Wissenschaftstheorie, Organisationstheorie und Organisationspraxis (vgl. Tsoukas/Knudsen 2003: 6)

die Organisationstheorie: Wie wird die Organisationstheorie betrieben und wie sollte sie sinnvoller Weise betrieben werden?

Wenn hier von »der« Wissenschaftstheorie die Rede ist, so darf dies allerdings nicht zur Annahme verleiten, es gäbe ein allgemein anerkanntes Wissenschaftsverständnis. Vielmehr setzen unterschiedliche organisationstheoretische Ansätze unterschiedliche Mittel (Methoden) ein und verfolgen unterschiedliche Zwecke. Dies hängt damit zusammen, dass ihre Forschung (implizit oder explizit) auf unterschiedlichen Wissenschaftsverständnissen aufbaut (Burrell/Morgan 1979, Gioia/Pitre 1990). In der wissenschaftstheoretischen Debatte werden diese Wissenschaftsverständnisse auch als Paradigmen bezeichnet (Kuhn 1962). Jedes Wissenschaftsverständnis (oder Paradigma) gibt – explizit oder implizit – eine bestimmte Antwort auf die oben...

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