Psychologische Personalauswahl - Eignungsdiagnostik für Personalentscheidungen und Berufsberatung

Psychologische Personalauswahl - Eignungsdiagnostik für Personalentscheidungen und Berufsberatung

 

 

 

von: Heinz Schuler

Hogrefe Verlag Göttingen, 2014

ISBN: 9783840918643

Sprache: Deutsch

480 Seiten, Download: 7033 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Psychologische Personalauswahl - Eignungsdiagnostik für Personalentscheidungen und Berufsberatung



1.4 Entwicklungsgeschichte und gegenwärtige Trends

Die Geschichte der von psychologischen Theorien und Methoden geprägten Diagnostik beginnt vermutlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts (Herrmann, 1966) und ist mit Namen wie Francis Galton und Alfred Binet verknüpft. Verschiedene Quellen weisen allerdings auf eine viel weiter zurückreichende Geistesgeschichte des Diagnoseund Auswahlgedankens als systematisches und kontrolliertes Vorgehen hin. So wurden in China bereits vor mehr als 3 000 Jahren öffentlich Bedienstete mithilfe eines multiplen Verfahrens, das u.a. aus Bogenschießen, Reiten und Arithmetik bestand, auf ihre Eignung für „Managementaufgaben“ im Staatsdienst geprüft (DuBois, 1970). Welsh (1982) beschreibt, dass für die Alten Griechen äußere Zeichen bzw. das Erscheinungsbild eines Menschen seine charakteristischen Persönlichkeitsmerkmale repräsentierten. So charakterisierte Aristoteles einen stolzen Mann nicht nur durch seine Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen, sondern beispielsweise auch durch seinen gemäßigten Schritt (Welsh, 1982, S. 2).

Als eine frühe systematische Arbeit, in der die Prinzipien der Physiognomik als Lehre von den Zusammenhängen von äußerem Erscheinungsbild und Charaktermerkmalen dargelegt werden, kann Johann Caspar Lavaters 1775–78 erstmals erschienenes vierbändiges Werk „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ gelten. Lavater war überzeugt – und mit ihm eine große Zahl seiner Zeitgenossen, unter ihnen Goethe –, die charakteristischen physiognomischen Merkmale von Helden, Gelehrten oder militärischen Führern identifiziert zu haben. Darüber hinaus war er der Auffassung, Körperform, Haar, Stimme, Sprache, Handschrift, Kleidung usw. seien bedeutsame und valide eignungsdiagnostische Indikatoren (s. Abbildung 2). Folgt man Welsh (1982), so haben die Auffassungen von Lavater einen bedeutenden Einfluss auf Kunst, Literatur und Film bis in unsere Zeit, bilden sozusagen den kulturgeschichtlichen Hintergrund für das, was wir heute „implizite Persönlichkeitstheorien“ nennen. Möglicherweise findet auch das Interesse an Analysen der Handschrift von Bewerbern (besonders in Frankreich und in der Schweiz) hier seine Erklärung. Der Beginn der wissenschaftlich-psychologischen Eignungsdiagnostik dürfte erst auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zu datieren sein, weil erst zu dieser Zeit Berufseignungsdiagnostika psychologisch fundiert und nach psychometrischen Prinzipien konstruiert oder zumindest evaluiert wurden. Im Zentrum frühen eignungsdiagnostischen Bemühens standen die Entwicklung von Papierund Bleistifttests, apparativen Verfahren sowie Arbeitsproben (Giese, 1924). Hauptsächliche Anwendungsfelder der Eignungsdiagnostik nach dem 1. Weltkrieg waren Berufsund Arbeitsämter, Bahn und Post sowie Industriebetriebe wie AEG, Siemens und Bosch (Herrmann, 1966). Bis in die 30er Jahre hinein lag der Schwerpunkt der Anwendungen vor allem in Produktionsund Dienstleistungsberufen, wobei Führungspositionen kaum einbezogen waren.

Persönlichkeitstests wurden seit den 20er Jahren in den USA zur Auswahl von Verkäufern eingesetzt (Anastasi, 1985), biografische Fragebogen bereits seit der Jahrhundertwende bei Versicherungsvertretern (Owens, 1976). Ebenfalls seit dieser Zeit finden Intelligenztests Anwendung, zunächst in der Funktion von Schulreifetests, in größerem Umfang bei Erwachsenen erstmals zur Selektion amerikanischer Rekruten ab 1917 (Greif, 2007). Die erste Seite des berühmten Intelligenztests Army Alpha ist in Abbildung 3 wiedergegeben. Die Aufgaben dieses Tests waren denen heutiger Intelligenztests bereits sehr ähnlich (z. B. Zahlenreihen fortsetzen, Beziehungen erkennen und Wissensfragen beantworten). Auch ist erkennbar, dass bereits damals die drei Modalitäten Sprache, Zahlen und Figuren in den Testaufgaben repräsentiert waren, die für viele heute verwendete Intelligenztests kennzeichnend sind (vgl. Abschnitte 4.1 und 5.2.1).

Der Zusammenhang der Berufseignungsdiagnostik mit der industriellen, arbeitsteiligen Produktionsweise ist umstritten. Einerseits wurde bei der Suche nach leistungssteigernden Formen der Arbeitsorganisation (Taylor, 1911) auch immer wieder die differentialpsychologische Komponente – also die Frage nach unterschiedlichen Begabungen ….

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